Team SBM e. V.

Der Unfall

30 Juli 2006, der Tag, der alles verändert

Es ist ein schöner Tag, ein Sonntag der seinem Namen alle Ehre macht. Um die Mittagszeit beschließt Michael, sein Patenkind zu besuchen. Bei so schönem Wetter holt er seine Fireblade aus der Garage und macht sich auf den Weg. Seine Frau wäre gerne mit gefahren, jedoch blieb sie zu Hause bei den beiden 7- und 11jährigen Töchtern. Er macht sich auf die Reise, fährt gemächlich durch seinen Heimatort, passiert das Ortsschild jedoch ohne großartig Gas zu geben, da die Geschwindigkeit auf 70 km/h begrenzt ist. Ein paar hundert Meter weiter befindet sich eine große, übersichtliche Kreuzung an der man auf die B 49 auffahren kann. Es kommt ihm ein PKW entgegen, dieser hat sich auf der Linksabbiegerspur eingeordnet um auf die Bundesstraße zu gelangen. Für Michael eine normale, entspannte Situation, denn nichts lässt erkennen was die 85-jährige Fahrerin in den nächsten Sekundenbruchteilen für einen fatalen Fehler macht. Michael fährt nicht schneller als die erlaubten 70 km/h, vielleicht ist er aufgrund der Situation sogar etwas vom Gas gegangen, als keine 10m vor ihm die Dame beschließt abzubiegen. Michael erfasst die Situation noch und bremst heftig. Tief taucht die Front der CBR 900 ein, das Hinterrad blockiert und zieht einen schwarzen Strich auf den Asphalt ... ganze 6 Meter und ein Bruchteil einer Sekunde bleiben Michael und seiner Blade um Geschwindigkeit abzubauen ... Mit einem dumpfen Knall schlägt die Front der Maschine in den rechten Kotflügel des Opel Corsa, rohe Kräfte verformen das Motorrad, Michael wird nach vorne katapultiert und schlägt in die Windschutzscheibe ein um von dort auf den Asphalt katapultiert zu werden wo er hart aufschlägt und regungslos liegen bleibt ... eine tiefe Stille liegt nun über den Ort des Geschehens.

So ähnlich muss es sich abgespielt haben, denn Michael kann sich nicht an den Unfall erinnern. Lediglich die Aussage eines Zeugen sowie das Gutachten des Sachverständigen bescheinigen Michael, dass er keinerlei Schuld am Unfall hatte und die Rekonstruktion des tragischen Geschehens stellt der verfasste Text dar.

Quelle: Feuerwehr Obertiefenbach

Um 12.04 Uhr geht der Notruf bei der Feuerwehr ein, innerhalb weniger Minuten sind die Einsatzkräfte vor Ort und kümmern sich um Michael. Er ist bewusstlos, hat schwere Kopfverletzungen und wird von dem rasch eintreffenden Notarzt und Sanitätern versorgt. Aufgrund der Schwere der Verletzungen wird der Rettungshubschrauber alarmiert, dieser fliegt Michael dann ins Bundeswehrkrankenhaus Koblenz. Dort wird neben den schweren Kopfverletzungen (Schädelbrüche) mit Schädigungen des Hirns noch ein gebrochener Unterarm, Rippenbrüche und weitere innere Verletzungen festgestellt. Erst sehr viel später werden auch noch Brüche im linken Knie festgestellt. Michael liegt im tiefen Koma und wird am 04. August an seinen Schädelbrüchen operiert. Er liegt weiterhin im Koma und bekommt eine dauerhafte Trachealkanüle, die die Sauerstoffzufuhr sicherstellt. Nach 5 Wochen erwacht er aus dem Tiefkoma und wird in die Neurologische Klinik Braunfels verlegt, hier verbringt er die nächsten 7 Monate. Erste Erinnerungen beginnen im September 2006, der Zeitraum davor ist bis November 2005 verschwunden, Michael weiß nichts mehr über diesen Zeitraum ...

Quelle: Michael B.

Das Bild zeigt Michael am 3. September 2006, er ist ansprechbar und nimmt seine Umgebung wahr, spricht mit seiner Familie, den Ärzten und dem Pflegepersonal. Jedoch kann er sich auch an diese Zeit nicht richtig erinnern, noch immer ist sein Körper von den Folgen des Unfalls stark gezeichnet, starke Medikamente nebeln seine Sinne ein und auch die Schutzfunktionen seines Körpers schotten ihn weitest gehend von seiner Umwelt ab.

So stark dieser Unfall sein Leben verändert hat, so stark kämpft Michael auch. Mit der Hilfe seiner Frau und den beiden Töchtern, seinen Eltern, Freunden und Bekannten sowie natürlich den Ärzten und dem Pflegepersonal versucht er wieder zu leben ... ja, so muss man es nennen. Die Fortschritte die erzielt werden, sind jedoch erst langsam sichtbar. Noch immer sitzt Michael im Rollstuhl, im November 2006 wird das Knie operiert. Die Krankengymnastik baut den Körper physisch langsam wieder auf. Die größten Probleme und Einschränkungen sind jedoch die Folgen der Schädelverletzungen. Die Sehstörungen, insbesondere links, sind noch das kleinere "Übel". Michael hat große Probleme mit dem Sprechen, immer wieder hat er große Erinnerungslücken und kann sich sehr schlecht Dinge behalten. Gezielte Therapien bringen auch hier die erhofften Erfolge, auch wenn es nur ganz kleine Schritte zu einem normalen Leben sind. Michael spricht der Neurologischen Klinik Braunfels ein großes Lob aus. Er wurde optimal behandelt und ist Dank der Hilfe der Ärzte, Therapeuten und dem Pflegepersonal in guter Verfassung. Er wird im Februar 2007 entlassen. Er kann mittlerweile wieder ohne Hilfe laufen und sich, so weit es geht, auch selbst versorgen. Seine Sprache ist verlangsamt, sein Auffassungsvermögen bessert sich von Tag zu Tag aber die Sehbeeinträchtigungen werden dauerhaft sein. Vieles wird ihn für immer kennzeichnen und behindern, jedoch blickt er optimistisch in die Zukunft. Er möchte an dieser Stelle seinen Lebensretter vorstellen: den Schutzhelm. Eine Woche vor dem Unfall hat er sich einen neuen Shoei-Helm gekauft. Ohne diesen, so ist er überzeugt, hätte er diesen Horrorcrash nicht überlebt!


Quelle: W.Schmäing

Im März 2007 gibt es die zweite Konfrontation mit der Unfallverursacherin - im Gerichtssaal. Die Staatsanwaltschaft hatte u.a. wegen Körperverletzung gegen die Dame geklagt, Michael trat als Nebenkläger auf. Der Unfallhergang war deutlich, die Zeugenaussage und der Gutachter belegten dieses unwiderruflich. Die Dame gestand ihre Schuld ein und wurde zu einem 3-monatigen Führerscheinentzug verurteilt. Bis heute hat sie sich nicht bei Michael entschuldigt, ihn auch nicht in der Klinik besucht. So sehr dies, menschlich betrachtet, schon schlimm genug ist, umso unglaublicher ist die Tatsache, dass die Dame mittlerweile einen weiteren, schweren Unfall verursacht hat und ihren Führerschein dauerhaft entzogen bekommen hat ...

Quelle: W.Schmäing

Hier ein Bild der Unfallstelle wie sie heute aussieht. Wegen Bauarbeiten ist die Brücke im hinteren Teil des Bildes abgerissen und die Strasse gesperrt. Aus dieser Blick- bzw. Fahrtrichtung fuhr die Unfallverursacherin auf die Linksabbiegerspur, Michael befand sich zu dieser Zeit schon deutlich im Sichtfeld der Seniorin und dürfte kurz vor der Brücke gewesen sein ...

Mittlerweile hat Michael einen zweiten, längeren Aufenthalt in der Neurologischen Klinik Braunfels hinter sich. Eine 8-wöchige Reha-Maßnahme hat ihn wieder sehr viel weiter gebracht. Er hofft irgendwann seinen Beruf wieder aufnehmen zu können. Dies wird sicher nicht einfach werden, denn als gelernter Schreiner und Treppenbauer muss noch viel an seiner Feinmotorik arbeiten. Er ist jedoch sehr zuversichtlich, dass er in seiner kleinen Werkstatt seinem Hobby und Beruf wieder nachgehen kann.

Probleme gibt es seit dem Unfall mit den Versicherungen, diese vermindern mit fortschreitender Dauer die Zahlungen und erschweren somit auch den Heilungsverlauf, denn einige wichtige Therapien werden schon nicht mehr finanziert. Auch hier ist natürlich der Anwalt von Michael aktiv, weiterhin unterstützt ihn seine Familie, besonders seine Eltern, die ihm eine Wohnung zur Verfügung stellen.

Michael hat seit dem tragischen, unverschuldeten Geschehen schon einige Tiefs durchlebt, oftmals hat er am Leben gezweifelt aber immer wieder tat er das richtige: nach vorne schauen und kämpfen. Dank lieber Menschen in seiner Nähe, wird es ihm bestimmt gelingen noch viele Ziele zu erreichen.

Quelle: W.Schmäing

Mir bleibt nur noch anzumerken, dass mich das Schicksal von Michael sehr berührt hat. Es zeigt, dass der Mensch, insbesondere physisch gesehen, bei unserem Hobby Motorrad fahren, das schwächste Glied ist. Nicht immer hat man Glück, nicht immer können wir für andere mitdenken, nicht immer ist alle Vorsicht, Sicherheitstrainings, vorausschauendes Fahren und so vieles mehr ein Garant dafür, dass wir unser Ziel unverletzt erreichen. Ich werde den Kontakt zu Michael beibehalten und gegeben falls seine Story weiter erzählen. Ich wünsche ihm vorab weiterhin gute Genesung und das er weiterhin so positiv in die Zukunft schaut wie auf dem Bild oben.


August 2007, ©Werner Schmäing
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